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Kinder zwischen Ekel und Faszination für die Ameisen

Die Natur hat Erfahrung und Energie zum Erleben

Das ist einfach super, dass du dich um meine Ameisen kümmern willst! Du schaffst das ganz sicher, keine Sorge – meine Ameisenkolonie bei dir zu halten, ist überhaupt kein Problem!

Die Lebensrealität von Kindern ist in der Stadt geprägt von Medien wie Smartphones und Computerspielen sowie Bildungsangeboten wie der Schule, in der Kinder den Grossteil des Tages sitzen und den Lernstoff durch Auswendiglernen in ihr Gedächtnis zu stopfen versuchen. Dieser Stoff wird nach dem Ausspucken für eine gute Note vielfach wieder gelöscht, um Platz für Neues zu schaffen.

Der schulische und persönliche Alltag ist geprägt von einer Vielzahl an Förderprogrammen und Nachmittagsangeboten, zu denen unter anderem der tägliche Schulstoff, das Fussballspielen, das Erlernen eines Instruments oder Nachhilfeunterricht zählen. Diese zusätzlichen persönlichen Angebote werden von den Kindern als Ausgleich wahrgenommen, da ihre Leistungen ansonsten nicht ausreichen würden.

Die Kinder und Jugendlichen sind einem straffen Zeitplan unterworfen, der von Termin zu Termin führt. Dabei werden sie stets von Erwachsenen begleitet, die sie vor den vielfältigen Gefahren schützen, denen sie ausgesetzt wären, würden sie ihre Zeit nicht unter der Beobachtung der Erwachsenen verbringen. Die Zeit, die Kinder und Jugendliche tatsächlich draussen und gar in der Natur (sei es eine Parkanlage, ein offenes Feld oder der Wald) verbringen, wird zunehmend geringer.

Gleichzeitig ist ein Anstieg von Krankheiten wie Allergien oder Depressionen bei Kindern und Jugendlichen zu verzeichnen. Die Ursachen hierfür sind vielfältig. Dennoch ist bereits seit Jahren erkennbar, dass unsere Kinder massiv unter Naturentfremdung leiden. Die Urbanisierung hat dazu geführt, dass sich der Mensch von der Natur abgegrenzt hat und nicht mehr mit ihr lebt. Stattdessen existiert die Natur lediglich als Umwelt um ihn herum.

Die Unabhängigkeit von der Natur eröffnet neue Möglichkeiten und führt zu Entwicklungen, die in der Zeit der Selbstversorgung nicht zu beobachten waren.

In der damaligen Zeit war kein Raum und keine Zeit für andere Tätigkeiten als die Bewirtschaftung, um die eigene Versorgung sicherzustellen. In urbanen Räumen ist eine Trennung von Mensch und Natur zu beobachten, sodass ein Bedarf an Natur nicht mehr wahrgenommen wird. Dies ist dadurch bedingt, dass in Supermärkten ein umfangreiches Sortiment an Lebensmitteln verfügbar ist, sodass eine Reflexion über die Herkunft von Lebensmitteln kaum noch stattfindet. Dennoch lässt sich ein Defizit feststellen. Obgleich sich die Lebensbedingungen im Vergleich zu früher verändert haben, ist festzustellen, dass Kinder früher in der Lage waren, sich stundenlang mit einfachen Dingen wie dem Spielen in Bachläufen, der Beobachtung von Ameisen und Kaulquappen oder dem Aufziehen von Raupen zu beschäftigen. Auch die Beobachtung von Schnecken, um deren Fortbewegung zu erforschen, war für Kinder eine attraktive Tätigkeit.

Die in der Natur gemachten Selbsterfahrungen hatten nicht nur einen positiven Einfluss auf das Immunsystem und die Fantasie, sondern auch auf das Selbstvertrauen. Zudem wurde die Wahrnehmung der eigenen Grenzen geschult. Ist ein Sprung über diesen Bach möglich? Die Kenntnis darüber, ob ein Bach übersprungen werden kann oder nicht, kann nur durch eigenes Erleben erlangt werden. Dabei ist es möglich, dass das Vorhaben misslingt und ein Sprung in den Bach endet. Aus den dabei gemachten Erfahrungen lassen sich jedoch Rückschlüsse ziehen, die beim nächsten Mal zu einer Einschätzung der Situation befähigen. Diese Sicherheit und das Selbstvertrauen manifestieren sich im Körper und stellen eine lebenslange Ressource dar.

Eine Vielzahl von Menschen ist von einem gewissen Ekel und Angst von Ameisen und dem Kontakt mit Ameisenkolonien geprägt, sodass sie sich nicht an eine solche heranwagen. Ich als Anschauungsprojektanbieter von Ameisen stelle jedoch fest, dass die Kinder ein ausgeprägtes Interesse an den Ameisen und deren Lebensweise zeigen. Sobald die Kinder erfahren, welche ökologische Vielfalt von Ameisen erzeugt wird, weckt dies ihr Interesse.

Und welche Rolle spielen der Ekel und die Angst in diesem Kontext? Die Annahme, dass Ekel und Angst eine angeborene Eigenschaft sind, wird von der modernen Wissenschaft nicht länger aufrechterhalten. Stattdessen wird davon ausgegangen, dass sie durch Erfahrungen in der frühen Kindheit geprägt wird. Die Vermittlung von Wissen erfolgt durch Erwachsene an Kinder. Dabei wird deutlich, dass die Basis für eine positive Einstellung zu den Ameisen und deren Tätigkeiten durch das Kennenlernen und Erleben geschaffen wird. «Nur was der Mensch kennt, lernt er zu lieben.» «Nur was er liebt, verteidigt er.»

Für Kinder stellt die Natur nicht nur einen Ort dar, an dem sie wesentliche Lebenserfahrungen sammeln und sich mit den Zusammenhängen der Natur auseinandersetzen können, sondern sie ist auch die Grundlage allen Lebens. Es ist von essenzieller Bedeutung, diese zu schützen und zu bewahren. Die Kenntnis einer Sache ist eine notwendige Voraussetzung für ihre Liebe. Um die Natur zu lieben und zu schützen, muss sie von Kindern zunächst kennengelernt werden.

Der Gesamtorganismus «Ameisenvolk» ist in der Lage, natürliche Zusammenhänge aufzuzeigen, wie es kein anderes Insekt vermag. Es ist bemerkenswert, dass Ameisen gemeinsam in der Lage sind, eine Leistung zu erbringen, die in ihrer Komplexität von Menschen nur ansatzweise erreicht wird. Das Ziel ist die Etablierung einer kooperativen Arbeitsweise, welche die Schaffung eines gerechten Staatswesens ermöglicht, in dem jeder Teil des Ganzen ist und jeder seine besonderen Fähigkeiten zum Ganzen beiträgt. Eine Betrachtung des Ameisenbaus genügt, um die beeindruckende Architektur der Ameisenvölker zu erfassen.

Diese Erkenntnis ist es, die die Faszination hervorruft und bei Kindern Staunen hervor löst. Somit eröffnen die Ameisen uns einen Zugang zu bislang verborgenen Kräften und Zusammenhängen, die in der Natur wirken, wenngleich nur ein geringer Teil ihres Schaffens beleuchtet wurde. Durch die Ehrfurcht und den Respekt vor der Natur erlangen wir die Kompetenz, mit dieser anders umzugehen, als sie lediglich zur Quelle von Materialien zu degradieren, die wir nutzen. Ohne Schutz und mit mangelnder Ehrfurcht und Demut vor der Natur versiegt die Quelle. Dennoch besteht die Möglichkeit, sie zu pflegen und von ihr zu schöpfen, wenn wir sie als Ursprung unserer Lebensgrundlage betrachten.

Es ist daher empfehlenswert, Kindern ausreichend Freiraum zu bieten, um sich in der Natur zu bewegen. Es wird dazu ermutigt, den Mut zu haben, Kindern Erfahrungen in der Natur zu ermöglichen. Dadurch wird nicht nur die Gesundheit der Kinder gefördert, sondern auch ihre Kreativität und Fantasie. Durch Selbsterfahrungen werden die Kinder gestärkt und können ihren Fähigkeiten Entfaltungsräume eröffnen. Dies führt dazu, dass die Kinder ihre Fantasie und Kreativität zurückgewinnen, während die Natur ihren Schutz erfährt.

Meine Ameisenkolonien unterstützen Dich sehr gerne als Lehrperson, denn Kindern die Möglichkeit schulisch zu vermitteln, dass der empfundene Ekel, die gefühlte Angst sich verflüchtigen und an ihre Stelle die Faszination Ameise und Natur tritt.

Rolf Kathriner

06–12–2024

 Ihr Rolf Kathriner – Ameisenhaltung Schweiz